Julia Engelmann

Der Engelmann-Effekt: Ein Insiderbericht zum YouTube-Hit der letzten Tage

Ein Kommentar von Christian Ritter, Poetry Slammer:

ritter“Bis letzten Mittwoch ging es in den meistgeklickten deutschen Poetry-Slam-Videos um eine Schulstunde (Bybercap) und einen Bart (Patrick Salmen). Dann kam Julia Engelmann. Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Ihr Auftritt beim Hörsaal-Slam in Bielefeld datiert aus dem letzten Frühjahr und zählt im Moment etwa zwei Millionen Aufrufe. Ein großer Erfolg. So ziemlich jedes Online-Medium sprang auf, „Dieses Video kann Ihr Leben verändern“ wurde getitelt – tat es auch bei einigen. Ein Mann teilte Julia mit, er habe spontan seinen Job gekündigt, nachdem er das Video angesehen hat. Ja, wirklich.

Innerhalb der Slam-Szene waren die Reaktionen so wie andernorts auch. Die meisten fanden’s gut und freuten sich über den Hype, es gab viele Glückwünsche in Richtung Bremen, einige wenige ließen Neid und Missgunst über entweder Inhalt oder Verbreitung des Videos freien Lauf. „Gönn dir“ kann eben nicht jeder sagen.”

Julia Engelmann knackte die 2 Millionen Zuschauer-Marke und wurde zum YouTube Star!

“Gestern Abend hatte ich eine Solo-Show in Kiel. Nach dem Auftritt erzählten mir einige Zuschauer, was sie zum Kommen bewogen hat: „Wir haben das Video gesehen, das grade jeder teilt. Bei YouTube bist du am Rand daneben ein Vorschlag. Dann haben wir dein Video angeschaut und gesehen, dass du heute hier auftrittst. Voilà, da sind wir.“ Da in Deutschland täglich zwei bis zwanzig Veranstaltungen laufen, die irgendwas mit Poetry Slam zu tun haben, geschah dies zeitgleich auch andernorts. Der Engelmann-Effekt ist da. Juhu! Ich bin gerne Profiteur.

In der Uni Bielefeld lief im Frühjahr 2013 alles wie üblich. Im Backstageraum gab es Pizza, Bier  und Limonade, das Orga-Team war entspannt, im Hörsaal nebenan saßen tausend Studenten, die sich einen Poetry Slam ansehen wollten, wir Slammer tauschten Neuigkeiten aus und freuten uns auf den Auftritt vor einem enthusiastischen Publikum. Jan-Philipp Zymny war da, der einige Monate später deutscher Meister werden sollte, Frank Klötgen war da, der internationale Berühmtheit wegen seiner Bauwerke aus Büchern innehat, Micha-El Goehre als Lokalmatador, ein paar andere, Julia Engelmann, ich. Am Ende würde irgendeiner gewinnen. Wer das sein wird, ist, unter uns gesagt, eine relativ zufällige Sache und spielt unter Slammern, wenn es nicht grade die deutschen Meisterschaften sind, keine Rolle. Am nächsten Tag vor anderem Publikum wird es bei den gleichen Teilnehmern ein anderer sein. Was zählt, ist ein guter und in sich stimmiger Auftritt. Immer kommen danach einzelne Zuschauer zu den Ausgeschiedenen und sagen ihnen, dass ihr Text ihnen am besten gefallen hat. Geschmack ist vielfältig und die Richtungen der Slam-Texte sind es auch.

Julia Engelmann kam nicht ins Finale. Man kann auch nicht direkt sagen, dass ihr Auftritt herausstach. Der Auftritt, der nun der berühmteste aller Zeiten ist. Das ist kein Widerspruch, und die Frage nach der Ursache des Phänomens, die nun oft gestellt wird, ist ganz einfach zu beantworten: Poetry Slam agiert in Deutschland auf ziemlich hohem Niveau. Es gibt nicht nur drei, vier Leute, die aus der Masse herausstechen, sondern dreißig, vierzig, fünfzig, hundert, die in der Lage sind, ein Publikum in toto zu begeistern, sei es mit (Sprach-)Witz, Reimkunst oder Tiefgründigkeit. Jeder, der sich regelmäßig Poetry Slams ansieht, muss über den Hype verwundert gewesen sein, weil Julias Text im positivsten Sinn einer von vielen ist – von vielen sehr guten Texten und Vorträgen.

Nun ist die eingängige Carpe-Diem-Botschaft mit der revolutionären Auslegung des Begriffs Anagram auf hunderttausende Bildschirme geschwappt und hat so für viele Erstkontakte gesorgt. Sie hat den zur Zeit laufenden Veranstaltungen neue Zuschauer verschafft, für einen Anstieg der Facebook-Fans, Videoaufrufe und Buchverkäufe anderer Slammer gesorgt. Das ist durchweg toll. Bleibt zu hoffen, dass das Interesse weiter ausufert. Ein Besuch bei einem Poetry Slam Ihrer Wahl lohnt sich, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Die Stars auf den Slams heißen nicht immer Julia, sondern auch mal Theresa, Franziska, Fatima, Sulaiman oder Thomas. Und es gibt so viele Geschichten, die Tag für Tag erzählt werden.

Beim Hörsaal-Slam in Bielefeld gab es übrigens einen Doppelsieg. Jan-Philipp Zymny war der eine Sieger. Wenn ich den anderen nennen würde, müsste ich mir Eitelkeit vorwerfen lassen. Aber es ist ja egal, wer gewinnt. The points are not the point, the point is poetry.”

Christian Ritter wurde Sieger beim 5. Bielefelder Hörsaal-Slam!

Die nächsten Slam-Veranstaltungen in Bamberg:

  • 20. Januar: Sebastian Lehmann solo, Morphclub
  • 3. Februar: Poetry Slam, Morphclub

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